Ulrich Bücholdt

Wirtschafts-, Bau- und Architekturhistoriker (M.A.)
dwbGWWG

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Datenbank zur Bau- und Architekturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts für den deutschsprachigen Raum

 


Paul Knobbe (1867-1956)
Architektur im Ruhrgebiet von der Zeche bis zur Villa


 

Paul Knobbe ist der Architekt der wohl bekanntesten historistischen Zechenanlage des Ruhrgebiets, der Zeche Zollern II/IV in Dortmund-Bövinghausen, seit etlichen Jahren Standort des dezentralen Westfälischen Industriemuseums (jetzt: LWL-Industriemuseum). Über diese Zeche gibt es viel zu lesen. Über Knobbe dagegen ist relativ wenig bekannt, obwohl er zahlreiche weitere Projekte für den selben Bauherrn ausgeführt hat und insgesamt über 60 Jahre lang als Architekt tätig gewesen sein soll.
Die hier zusammengetragenen Informationen sind ein Nebenergebnis anderweitiger Recherchen, ergänzt um die fundierten Angaben zu Knobbe bei Katrin Holthaus (vgl. Literatur).

Knobbe
Paul Knobbe (um 1900)
aus: Becher/Conrad/Neumann 1977
(vgl. Literaturangaben)
(Original wohl in Familienbesitz)

Paul Knobbe
Architekt in Gelsenkirchen und Essen
geb. 02.01.1867 in Ayssehnen (Ostpreußen, Memelland) [= Aisènai (Litauen)],
gest. 04.04.1956 in Essen
Ausbildung:
Technische Hochschule (Berlin-) Charlottenburg (1887-1890)
Mitgliedschaften:
Architekten-Verein zu Berlin, Bund Deutscher Architekten (BDA),
Ruhrländischer Architekten- und Ingenieur-Verein zu Essen (im VDAI)

 

Vita:...............Werk...............Literatur & Quellen ...............Kontakt

 

Paul Knobbe arbeitete nach seinem Studium zunächst in einem der bekanntesten Berliner Architekturbüros jener Zeit, bei Heinrich Kayser (1842-1917) und Karl von Großheim (1841-1911).

 

In Essen wirkte Knobbe seit etwa 1896 als freischaffender Architekt. Von 1901 bis 1906 leitete er als „Vorsteher“ das „bautechnische Büro“ der Gelsenkirchener Bergbau-AG (GBAG), in diesen Jahren wohnte er im Hause Parkstraße 20 in Gelsenkirchen-Ückendorf – unweit der Verwaltung der GBAG. Die Vertragsgestaltung zwischen Knobbe und der GBAG verdient dabei einige Aufmerksamkeit, denn anscheinend war er im gleichen Zeitraum auch für andere (private) Auftraggeber tätig. Zudem kam es zu Reibereien, als Knobbe Bauten veröffentlichte, die er für die GBAG entworfen und ausgeführt hatte.

 

Ein von Neumann (vgl. Literatur) vermutetes Zerwürfnis mit der Firmenleitung in Zusammenhang mit dem Bau der Maschinenhalle der Zeche „Zollern“ II/IV (also 1902/1903) ist hingegen reine Spekulation und fußt zudem wohl auf der zweifelhaften Annahme, dass „baukünstlerische“ Aspekte eine ausschlaggebende Rolle bei den Entscheidungen der Unternehmensleitung spielten.

 

Knobbe kehrte 1906 nach Essen zurück, er war hier selbstständig tätig in Sozietät mit dem Architekten Carl Nordmann (1849-1922). In der älteren Literatur wird die Autorschaft „Nordmann und Knobbe“ irreführend auch auf früher entstandene Bauten beider Architekten ausgedehnt, stichhaltige Belege für eine Zusammenarbeit vor 1906 gibt es aber wohl nicht.

 

Die Sozietät „Nordmann und Knobbe“ endete wohl 1915 – angeblich „unfreiwillig“, soll heißen: kriegsbedingt. Möglicherweise gelang es Nordmann und Knobbe nicht, den „zivilen“ Auftragsmangel durch Aufträge aus den Kreisen der „kriegswichtigen“ Industrie der Region zu kompensieren. Auch darf man nicht außer Acht lassen, dass Carl Nordmann im Sommer 1915 seinen 66. Geburtstag feierte und ein Rückzug in den Ruhestand für ihn eine durchaus naheliegende Alternative gewesen sein könnte.

 

Der zu dieser Zeit 48jährige Knobbe wirkte während des Ersten Weltkriegs am Wiederaufbau in Ostpreußen mit. Bis mindestens Ende 1918 war er in Lyck ansässig und tätig. Am 29. Mai 1918 berichtete die „Deutsche Bauzeitung“ über die neu gegründete „Ortsgruppe im Wiederaufbaugebiet Ostpreußens“ des Bundes Deutscher Architekten (BDA), der auch Knobbe als Vorstandsmitglied angehörte. Knobbe und weitere drei der dort aufgezählten Vorstandsmitglieder fanden sich am 30. November des gleichen Jahres in dem zwölfköpfigen Architektenrat wieder, dem Vorstandsgremium der an diesem Tage gegründeten „Deutschen Architektenschaft der Provinz Ostpreußen“.

 

Knobbe scheint über einen längeren Zeitraum Vorsitzender der Ortsgruppe Essen des Bundes Deutscher Architekten (BDA) gewesen zu sein, ob vor 1915 oder erst nach seiner Rückkehr nach Essen, geht aus den bisher ausgewerteten Quellen nicht hervor. Auf jeden Fall hat dieses Amt vor ihm – ebenfalls „langjährig“ – Carl Nordmann innegehabt.

 

Neumann berichtet auch, dass Knobbe bis zu seinem 89. Lebensjahr (also wohl bis zu seinem Tode 1956) tätig war; er scheint sich dabei auf Auskünfte von Knobbes Sohn zu stützen.

 

Bislang sind keine zwischen 1912 und 1915 von Nordmann und Knobbe bzw. nach 1920 von Knobbe ausgeführten Bauten nachzuweisen. Veröffentlichungen in den gängigsten Architekturzeitschriften der Epoche sind nicht bekannt. Eine stichprobenhafte oder gar flächendeckende Recherche ist allerdings kaum zu leisten. Zunächst stehen noch Einzeluntersuchungen zu diversen ungenau benannten Objekten aus, auch den verwirrend vielen Wohnsitzen und Büroadressen Knobbes wäre zunächst noch nachzugehen.

 

Bürostandorte und Wohnsitze Knobbes

Erster Beleg für Knobbes Anwesenheit in Essen ist das Essener Adressbuch 1898, in dem seine Adresse Maxstraße 53 lautet, während er 1899 unter der Adresse Bahnhofstraße 10 gemeldet war. Zwischen 1901 und 1906 scheint er in Gelsenkirchen gewohnt zu haben, ob eine „Residenzpflicht“ Bestandteil seines Vertrages mit der GBAG war, bleibt offen. 1908 und 1910 war Knobbe als Eigentümer des Hauses Gutenbergstraße 6 in Essen ausgewiesen, in dem außer ihm weitere zwei Mietparteien wohnten. Das Architekturbüro „Nordmann und Knobbe“ befand sich im Haus Huyssenallee 65, dem Wohnhaus Nordmanns, was Knobbes Eintritt in das bereits bestehende Büro Nordmanns widerspiegelt. Das Adressbuch 1914 nennt für Paul Knobbe die Anschrift Pelmanstraße 4. Nach dem Zwischenspiel in Ostpreußen war er laut Adressbuch 1921 in der Richard-Wagner-Straße 43 zu finden. Zwischen 1924 und 1932 lautete die Anschrift Werderstraße 49, wo dann 1933 – inzwischen ist Knobbe immerhin 66 Jahre alt – das Büro des Architekten Paul Portten untergebracht war. Ob Portten der „offizielle“ Büronachfolger Knobbes war, lässt sich bislang nicht beantworten. Der möglichen Abgabe des Ateliers an einen Nachfolger steht zumindest die (allerdings etwas vollmundig klingende) Aussage Neumanns betreffend Knobbes berufliche Aktivität bis ins hohe Alter (s.o.) gegenüber. Allerdings können nach 1945 auch kriegsbedingte Vermögensverluste ein ausschlaggebender Grund für eine Wiederaufnahme beruflicher Tätigkeit gewesen sein. Jedenfalls lokalisiert das Adressbuch 1932/33 Knobbe in der Helbingstraße 20, von spätestens 1935 bis mindestens 1941 lautete die Anschrift dann Mackensenstraße 18. Nach dem Zweiten Weltkrieg wohnte Knobbe einem Schriftwechsel mit amtlichen Stellen (1947) zufolge zunächst im Haus Zeunerstraße 30 in Essen-Bredeney, lt. Neumann war sein eigenes Haus (welches Haus damit auch immer konkret gemeint sei) im Krieg zerstört worden. In den Adressbüchern tauchen die Angaben Heymannplatz 20 (1949) und Heymannplatz 12 (1951) auf. 1955 lebte Knobbe in der Julienstraße 27.

 

Text: © 2003-2015 by Ulrich Bücholdt

 

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Werk:
(unvollständig)

 

1898
Wohn- und Geschäftshaus für H. Rothschild & Comp.
Essen, Rottstraße / Kasteienstraße
nicht erhalten

 

1899-1900
Wohnhaus für Dr. Theodor Reismann-Grone
Essen, Bismarckstraße
nicht erhalten

 

1900-1901
Bankhaus Hoffmann & Götze, seit 1904 North, Kammeier & Co., seit 1908 Mitteldeutsche Creditbank AG
Essen, Akazienallee 16
nicht erhalten

 

1900-1901(?)
Wohnhaus für M. Hirschland
Essen, Bismarckstraße
nicht erhalten

 


  hist. Ansichtskarte, Slg. Bücholdt
fertiggestellt 1902 bzw. 1903
diverse Bauten der Zeche „Zollern“ II/IV
für die Gelsenkirchener Bergwerks-AG
(Dortmund-) Bövinghausen, Grubenweg


 

um 1902
zweiter Bauabschnitt der „Kolonie Landwehr“ (zur Zeche „Zollern“ II/IV)
für die Gelsenkirchener Bergwerks-AG
(Dortmund-) Bövinghausen

 

1903-1905
diverse Bauten der Zeche „Hansa“ (z.B. Werkstattgebäude, heute „Alte Schmiede“)
für die Gelsenkirchener Bergwerks-AG
(Dortmund-) Huckarde

 

1903-1906
Wohlfahrtsgebäude in der „Alten Kolonie“ (der Zechen „Minister Stein“ und „Fürst Hardenberg“)
für die Gelsenkirchener Bergwerks-AG
(Dortmund-) Eving (Niedereving), Nollendorfplatz
um 1990 umgenutzt und restauriert

 

1906
Lohnhalle und Waschkaue der Zeche „Westhausen“ I/III
für die Gelsenkirchener Bergwerks-AG
(Dortmund-) Bodelschwingh, Bodelschwingher Straße
Waschkaue 1993 unter ungeklärten Umständen durch Brand zerstört, Lohnhallen-Trakt in Verfall erhalten

 


  Neudeutsche Bauzeitung 9.1913, S. 293
1907-1909
Wohnhaus für Dr. Hans Goldschmidt
Essen, Bismarckstraße
nicht erhalten


 

veröffentlicht 1908
Wohnhaus für Paul Knobbe
Essen, Gutenbergstraße

 

veröffentlicht 1908
Landhaus
(Essen-) Rellinghausen-Heide

 

veröffentlicht 1908
Beamten-Wohnhaus der Zeche „Bonifatius“
für die Gelsenkirchener Bergwerks-AG
(Essen-) Kray, Rotthauser Straße
nicht erhalten

 

veröffentlicht 1908
Doppelwohnhaus (vermutlich für die GBAG)
Gelsenkirchen

 

veröffentlicht 1908
Mehrfamilienhaus
Essen, Bismarckstraße, Ecke Kleiststraße

 

veröffentlicht 1908
zwei Wohnhäuser
Essen, Krawehlstraße

 

veröffentlicht 1908
Wohn- und Geschäftshaus für Rustemeyer
Essen

 

veröffentlicht 1908
Wohlfahrtsgebäude in der Kolonie der Zeche „Monopol“
bei Kamen (evt. Bergkamen?)

 

veröffentlicht 1908
Wohnhaus
Hamburg

 

1908 im Bau
Wohnhaus für Heynemann Freudenberg
Essen, Bismarckstraße

 


  hist. Ansichtskarte, Slg. Bücholdt
1908-1909
Bankgebäude für den Essener Bankverein
Essen-Mitte
nicht erhalten


 

1909-1910
Vereinshaus der evang. Kirchengemeinde Bredeney
(Essen-) Bredeney, Eckbertstraße

 

1910-1911
„Wichernhaus“ der evang. Kirchengemeinde Altendorf
Essen-Altendorf, Simsonplatz / Planckstraße
kriegszerstört

 

1910-1912
Fabrikanlage mit Verwaltungsgebäude und Werkstor (sowie Beamtenwohnhäuser?)
Walzwerk Angerort der Schulz, Knaudt & Cie. AG (1914 übernommen durch die Mannesmannröhren-Werke AG)
(Duisburg-) Hüttenheim bzw. Angerort

 

1912
evangelisches Waisenhaus
Essen, Herwarthstraße

 

o.J.
Wohn- und Geschäftshaus
Essen, Limbecker Platz

 

o.J.
Wohnungsbauten
für die Theodor Goldschmidt AG
Essen

 

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Literatur:

 

o. V.
Architektur-Ausstellung der Ortsgruppe Essen des Bundes Deutscher Architekten.
Ausstellungskatalog, Museum der Stadt Essen, 14. Juni bis 5. Juli 1908.

 

o. V.
Architekt Carl Nordmann †.
in:
Deutsche Bauzeitung 57.1923, Nr. 19 (07.03.1923), S. 90-92.

 

Eberhard G. Neumann:
Zollern 2. Bauentwicklung und kunstgeschichtliche Bedeutung.
in:
Becher / Conrad / Neumann (Hrsg.):
Zeche Zollern 2. Aufbruch zur modernen Industriearchitektur und Technik.
[Studien zur Kunst des 19. Jahrhunderts, Bd. 34.]
München: Prestel, 1977.
ISBN 3-7913-0108

 

Heike Fischer:
Die Siedlung Landwehr der Zeche Zollern II/IV. Fortschrittliche Architektur oder Konservatismus im Wohnungsbau einer Bergwerksgesellschaft um die Jahrhundertwende.
unveröffentlichte Magisterarbeit, Philipps-Universität Marburg, 1988.

 

Katrin Holthaus:
Architekturführer Zeche Zollern 2/4.
Essen: Klartext, 2004.
ISBN 3-89861-322-4
(mit biografischen Angaben)

 

 

Quellen:

 

Adressbücher:
- Essen 1899, Essen 1906, Essen 1909, Essen 1927, Essen 1931 (Stadtbibliothek Essen)
- Gelsenkirchen 1904, Gelsenkirchen 1907 (Institut für Stadtgeschichte, Gelsenkirchen)

 

 

Für weitere Hinweise und ihre freundliche Unterstützung danke ich Frau Dr. Katrin Holthaus.

 

 

empfohlene Zitierweise:
Ulrich Bücholdt: Paul Knobbe (1867-1956). Architektur im Ruhrgebiet von der Zeche bis zur Villa.
online: http://www.kmkbuecholdt.de/historisches/personen/Knobbe1.htm (Stand vom 23.05.2016)

 

Kontakt:
Ihre Ergänzungen, Berichtigungen, Hinweise oder Fragen zu Person und Werk von Paul Knobbe mailen Sie bitte an: ub@kmkbuecholdt.de

 

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